Kunsttheorie

(> English Language Version)

Eventualistische Projekte

Spontaneität
Im Zentrum der Kunst von Di Stefano steht die Suche nach dem unverfälschten, spontanen Ausdruck der Persönlichkeit. Dabei stellt sich das Problem, dass Spontaneität nicht verordnet werden kann (Watzlavick nennt das „Paradoxon der Spontaneität“). Di Stefanos Lösung ist das Stellen einer ganz präzisen Aufgabe: Wer auch immer sich um eine exakte Erfüllung der gestellten Aufgabe bemüht, wird Fehler machen. Diese Fehler sind das ästhetische Ereignis, denn sie sind unfreiwilliger, unmanipulierbarer Ausdruck der Persönlichkeit. Die Aufgaben können ganz unterschiedlicher Natur sein:

Experimente der blinden Malerei 
In seinen Serien zu Blinde Malerei steht im Vordergrund, dass jene, welche die gestellt Aufgabe lösen, keinerlei visuelle Kontrolle über ihr Handeln haben und somit sich nicht nur auf die Erinnerung der vorgegebenen Aufgabe (z.B. Ausmalen eines Kreises, ohne über die Kreislinie zu fahren) konzentrieren müssen, sondern auch jeden ausgeführten Schritt im Gedächtnis behalten sollten.

 

Gedächtniskorrekturen
Auch die Arbeiten mit offenen Augen stellen an die Erinnerung grosse Ansprüche und zeigen auf, dass Wahrnehmung und Erinnerung kreative Akte sind: Durch Unterbrechung der Wahrnehmung (z. B. Wegnahme eines Stimulus-Bildes) ist die Information (z. B. Position von Polygonen) nicht mehr verifizierbar. Und ob mit verbundenen oder offenen Augen: die Imagination kommt ins Spiel. Sie stützt sich auf unsere Erfahrung mit Realität ab. Und was wir aus ihr heraus produzieren, weicht immer von der Realität ab und ist Ausdruck unserer tiefsten Persönlichkeit: Erinnerung ist also nie präzise, und ihre Fehler sind unwillkürliche, kreative Akte.

 

Gesten des Alltags
Aber auch aus der Aufgabe, eine ganz alltägliche Geste mit einer gewissen Präzision auszuführen, entstehen Fehler/Unpräzisionen, die Ausdruck der Eigenheit und Einzigartigkeit der ausführenden Person sind (z. B. Zerreissen eines Blattes).

 

 

Eventualismus
Eventualismus ist eine Kunsttheorie – ein von Sergio Lombardo (Rom) gegründetes und von seiner Künstlergruppe Eventualisti mitentwickeltes theoretisches Fundament, auf Grund dessen Kunstwerke gemacht werden.
Das Wort Eventualismus kommt vom italienischen Wort EVENTO, was auf Deutsch Ereignis heisst. Und es ist genau das Ereignis, das im Mittelpunkt der eventualistischen Theorie steht. Das heisst: der Moment, in dem jemand auf einen eventualistischen Anreiz hin reagiert, ist das Kunstwerk

Die Theorie teilt den ästhetischen Prozess in drei Phasen auf:

1. Phase: Der Künstler schafft einen Stimulus, d. h. einen Anreiz für das Publikum
Der Eventualistische Künstler steht nicht hinter seiner Staffelei und lässt sich in Farb- und Formgebung von Intuitionen, fachlichem Können und Geschmack leiten, um ein wunderschönes oder provozierendes Bild zu schaffen, über welches das Publikum staunt. – Im Gegenteil, er kreiert eine Aufgabe, die das Publikum lösen soll.

2. Phase: Das Kunstwerk, d.h. das Ereignis/EVENTO.
Irgendjemand, der keinerlei künstlerische Fähigkeiten haben muss, löst die Aufgabe d.h. reagiert auf den Stimulus des Künstlers. Das ist das Kunstwerk: Dieser Moment, in dem jemand die gestellt Aufgabe erfüllt!

3. Phase: Dokumentation des Ereignisses
Das Ergebnis der Ausführung, d.h. die gelöste Aufgabe ist die Dokumentation des Kunstwerkes. D. h. Das Bild, die Skulptur, die in Schrift festgehaltene Antwort, die von jemandem nachgezeichnete Form zusammen mit der Vorgabe sind alles bloss Dokumentationen über das Kunstwerk.

 

Die 5 ästhetischen Konzepte der eventualistischen Theorie 
1. Der Verzicht auf persönlichen Ausdruck des Künstlers
Der Künstler, welcher die Aufgabe für das Publikum erarbeiten, lässt sich eben nicht vom eigenen kreativen Geschmack leiten und vermeidet jegliche dekorative Ausgestaltung, d.h. er folgt dem Prinzip der Minimalität, das heisst hier: der kürzeste Weg oder die einfachste Methode mit dem absoluten Minimum an Momenten, in welchen er eine willkürliche Wahl treffen muss (z.B. links oder rechts, grün oder schwarz).

2. Strukturalität
Die Elemente, aus denen ein Stimulus zusammengesetzt ist, sind auf Grund einer „neutralen“ Struktur verknüpft. D.h. sie sind nicht aus ästhetischen Motiven heraus zusammengesetzt, sondern sind anhand eines Programms oder eine mathematischen Methode verknüpft. Die Vorlieben des Künstlers haben auch hier praktisch kein Schlupfloch.

3. Die Spontaneität
Sie ist die nicht absichtliche Verhaltensweise, die nicht simuliert werden kann. Spontane Verhaltensweisen passieren dann, wenn man sie nicht will! Beim konzentrierten Lösen einer Aufgabe in Form von Fehlern und beim Träumen.

4. Interaktion
Das, was der Künstler als Stimulus schafft, ist kein abgeschlossenes Kunstwerk, das man betrachtet und interpretiert; die Reaktionen darauf sind das Kunstwerk. Und jede Reaktion auf den Stimulus ist eine von unendlich vielen Möglichkeiten! In der eventualistischen Kunst wird das vom Künstler Geschaffene nicht nur rezipiert, sondern es wird darauf reagiert.

5. Das Ereignishafte
Das Festhalten am Ereignishaften, als Moment der unmittelbaren Reaktion auf den Stimulus, stellt sicher, dass die Reaktion auf den Stimulus nicht ein Spiel, keine künstlerische Vortäuschung und auch nicht ein Handeln gemäss einer Übereinkunft/Abmachung ist. Diejenigen, welche sich der Aufgabe stellen wollen und auf den Stimulus reagieren, sind mit ihrer ganzen Persönlichkeit derart eingebunden in das Ereignis, dass sie gar nicht anders können, als ihre Identität und Authentizität auszudrücken.

Im Unterschied zum anderen Kunstströmungen auch der Vergangenheit, in denen die Publikumsteilnahme vorgesehen ist, ist es im Eventualismus zentral, dass die Reaktionen gemessen werden können müssen, um die Wirksamkeit des Stimulus zu verifizieren. Zum Beispiel: Je unterschiedlicher mehrere Reaktionen auf ein und denselben künstlerischen Stimulus sind, desto besser war dieser Stimulus. Sind die Reaktionen verschiedener Leute ähnlich, dann wird der eventualistische Künstler unter Umständen versuchen, den Stimulus für eine nächste Aktion zu „verbessern“. Das bedeutet, dass Die Publikumsreaktion zur Weiterentwicklung eines Stimulus und somit auch des Kunstwerkes beiträgt.

 

 

(über diese Tema hier ein text von Sergio Lombardo, günder des Eventualismus :     http://sergiolombardo.it/eventualismo/  )

 

Eventualist Projects

 

Spontaneity
A quest for the genuine and spontaneous expression of personality forms the core of Di Stefano’s art. In this search, he is confronted with the problem that spontaneity cannot be prescribed (Watzlavick calls this the „paradox of spontaneity“). Di Stefano’s solution to this problem is to set — himself and/or others — a very precise assignment. But anyone attempting to fulfil this task accurately will make mistakes. These mistakes are the aesthetic event, because they are the involuntary, unmanipulable expression of personality.

The assignment can take on many different forms:

 

Experiments in blind painting

The essential feature of Di Stefano’s series Blind Painting is that those attempting the assignment have no visual control over their actions. They therefore have to concentrate not only on the assignment itself (e.g. painting in a circle without crossing its perimeter) but also need to memorize all the actions they have already made.

 

Memory adjustments

Even the works made with open eyes place great demands on the memory. They demonstrate that perception and memory are creative acts. If perception is interrupted, e.g. by the removal of a stimulus image, the information (e.g. the position of polygons) is no longer verifiable. And whether the exercise is with a blindfold or not, the imagination plays a role. Our imagination is supported by its experience with reality, and yet what it produces always diverges from reality and is the expression of our deepest personality. Memory in other words is never precise and our errors are involuntary creative acts.

 

Everyday gestures

The assignment to execute an everyday gesture with a degree of precision (e.g. tearing a sheet of paper) also evokes errors/imprecision that are, once again, the expression of an individual’s singularity and uniqueness.

 

Eventualism
Eventualism is an art theory, a theoretical foundation originally formulated by Sergio Lombardo (Rome) and then elaborated and developed by him in collaboration with the group Eventualisti for the generation of artworks.
The ‚event‘ lies at the heart of eventualist theory. Or put another way, the moment at which someone responds or reacts to an eventualist stimulation is the artwork.
The theory divides the aesthetic process into three phases:
1st phase: the artist creates a stimulus, an incitement, for the audience/participants
The eventualist artist does not stand at an easel to be guided by intuition, skills and taste to create in colours and forms a beautiful or provocative picture for the viewer to marvel at. Instead, the artist creates an assignment that the audience must perform.
2nd phase: the artwork, i.e. the event
Anyone, with or without artistic abilities, attempts to fulfil the assignment, i.e. responds to the artist’s stimulus. The artwork is that moment/those moments in which someone executes the assigned task.
3rd phase: documentation of the event
The product of the fulfilled assignment is a record of the artwork. In other words, the picture, the sculpture, the written response, the drawing is, together with the project specifications, merely documentation about the artwork itself.

 

The 5 aesthetic concepts in eventualist theory
1. The artist renounces all personal expression
The artist who develops the assignment for the public is not guided by personal tastes and avoids any decorative form. The principle followed is minimalism, that is the most direct path or the simplest methods with the absolute minimum of moments when an arbitrary choice must be made (e.g. left or right, green or black).
2. Structurality
The elements comprising the stimulus are interconnected in a ’neutral‘ structure; i.e. it is not aesthetic motives that provide the framework or the configuration but the elements of a program or a mathematical model. In this way, there are practically no loopholes through which the artist’s predilections can slip into the assignment.
3. Spontaneity
Spontaneity is unintentional behaviour that cannot be simulated. Spontaneous behaviour occurs when it isn’t wanted! For example in the form of errors when concentrating on the fulfilment of a task, and in dreams.
4.Interaction
The stimulus generated by the artist is not a completed artwork to be viewed and interpreted, it is the reactions to the stimulus that form the artwork. And the possible responses to a stimulus are infinite. In eventualist art, there is not simply reception of what the artist produces but also an integral reaction to it.
5. Eventness
The adherence to eventness as a moment of unmediated reaction to the stimulus ensures that the reaction is neither play nor artistic simulation, nor indeed a prenegotiated act. For those who take on the assignment and respond to the stimulus, the entire personality is integrated in the event to such an extent that they cannot help but manifest their identity and authenticity.

In contrast to other art movements which accommodate or have accommodated public participation, for eventualism it is essential that participants‘ reactions can be recorded and evaluated in order to verify the efficacy of the stimulus. For example: the more varied the reactions to one single artistic stimulus, the better the stimulus. If the reactions of different people are similar, the eventualist artist will consider ‚improving‘ the stimulus for the next action. This means that the public’s reactions contribute to the development of a stimulus and thus also to the artwork.